Emil von Behring, 15. März 1854 - 31. März 1917
Erforscher der Diphtherie und der Impfung dagegen
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Emil von Behring steht an einer Schwelle der Medizingeschichte. Hinter ihm liegt eine Medizin, die Krankheiten beschreibt, ordnet und oft hilflos beobachtet. Vor ihm beginnt eine Medizin, die gezielt in Krankheitsprozesse eingreift – mit Konzepten, die wir heute als selbstverständlich ansehen, die um 1900 jedoch radikal neu waren.
Geboren 1854 im preußischen Osten, aus einfachen Verhältnissen, gelangte Behring über den militärärztlichen Bildungsweg in die wissenschaftliche Medizin. Das ist kein biografisches Detail, sondern ein Hinweis auf die Zeit: Die Medizin des späten 19. Jahrhunderts war eng mit Staat, Militär und Seuchenbekämpfung verknüpft. Infektionskrankheiten waren keine abstrakten Forschungsobjekte, sondern reale Bedrohungen für Gesellschaften, Armeen und Kinderzimmer.
Behrings wissenschaftlicher Durchbruch fällt in die Hochphase der Bakteriologie, jener intellektuellen Revolution, die mit Louis Pasteur und Robert Koch begann. Diese Generation identifizierte Erreger, bewies ihre Kausalität und machte Krankheit erstmals mikrobiologisch erklärbar. Doch Erklärung allein heilte noch nicht. Genau hier setzt Behring an.
Gemeinsam mit Kitasato Shibasaburō zeigte Behring, dass der Organismus nach Kontakt mit bakteriellen Giften etwas im Blut bildet, das diese Gifte neutralisieren kann. Der entscheidende Perspektivwechsel lag nicht im Erreger, sondern in der Reaktion des Wirts. Krankheit war nicht mehr nur Invasion, sondern auch ein Kräfteverhältnis – und dieses ließ sich beeinflussen.
Diphtherie gehörte bis ins frühe 20. Jahrhundert zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten Europas. Sie traf vor allem Kinder und trat oft wellenartig auf, in Schulen, Familien und Kasernen. Zeitgenössische Berichte sprechen vom „Würgeengel der Kinder“ – ein Bild, das die klinische Realität gut einfängt: die langsam zunehmende Atemnot durch zähe, festhaftende Beläge im Rachen, das fiebrige, erschöpfte Kind, die hilflose ärztliche Beobachtung. Vor der Einführung wirksamer Therapien lag die Letalität, je nach Ausbruch, bei 10–50 Prozent. Medizinisch war Diphtherie lange rätselhaft, weil der lokale Befund – Halsentzündung, Beläge, Lymphknotenschwellung – die Schwere des späteren Verlaufs nicht zuverlässig vorhersagte.
Bei dieser handelt es sich um eine akute bakterielle Infektionskrankheit, verursacht durch Corynebacterium diphtheriae. Klinisch manifestiert sie sich meist als Infektion der oberen Atemwege mit Halsschmerzen, Fieber und den charakteristischen grauweißen Pseudomembranen auf Tonsillen und Rachen. Diese Beläge sind kein harmloses Exsudat, sondern bestehen aus nekrotischem Gewebe, Fibrin, Leukozyten und Bakterien. Ihre mechanische Entfernung kann zu schweren Blutungen führen. Die lokale Infektion selbst ist jedoch nicht das Hauptproblem der Erkrankung – sie ist vielmehr das Einfallstor für einen systemischen Prozess.
Die eigentliche Gefährlichkeit der Diphtherie beruht auf einem hochwirksamen Exotoxin, das von toxigenen Stämmen des Erregers produziert wird. Dieses Diphtherietoxin wird lokal gebildet, gelangt aber rasch in den Blutkreislauf und wirkt fernab des Infektionsortes. Auf zellulärer Ebene hemmt es die Proteinsynthese, indem es den Elongationsfaktor EF-2 inaktiviert, was zum Zelltod führt. Besonders empfindlich sind Herzmuskelzellen und Nervengewebe: Myokarditis mit Herzrhythmusstörungen sowie periphere und zentrale Lähmungen sind klassische, oft verzögert auftretende Komplikationen. Entscheidend ist dabei: Nicht die bakterielle Ausbreitung im Körper verursacht den Schaden, sondern das zirkulierende Toxin. Genau dieses pathophysiologische Prinzip machte die Serumtherapie so revolutionär – sie neutralisierte das Gift im Blut, noch bevor irreversible Organschäden entstanden.
Die Serumtherapie gegen Diphtherie war medizinisch wie kulturell ein Schock. Zum ersten Mal konnte eine bis dahin häufig tödliche Kinderkrankheit aktiv behandelt werden. Kliniken, die gestern noch Sterbehäuser waren, wurden zu Orten messbarer Hoffnung. Dass dieses „Serum“ aus dem Blut immunisierter Tiere stammte, wirkte für Zeitgenossen fast alchemistisch – und doch funktionierte es.
Behrings Leistung war dabei weniger die Entdeckung eines einzelnen Moleküls als die Etablierung eines Prinzips: Schutz ist übertragbar. Immunität ist kein mystischer Zustand, sondern etwas Mess-, dosier- und standardisierbares. Hier berührt sich Behring mit Paul Ehrlich, der die theoretische und quantitative Grundlage schuf, ohne die Serumtherapie kaum klinisch nutzbar gewesen wäre. Zusammengenommen entsteht etwas Neues: eine Medizin, die zwischen Laborbank und Krankenbett pendelt. Was wir heute „translationale Medizin“ nennen, wird hier geboren.
Der Nobelpreis von 1901, der erste überhaupt in der Medizin, ist deshalb mehr als eine persönliche Ehrung. Er markiert einen Paradigmenwechsel: von der deskriptiven zur interventionellen Medizin, von der Beobachtung zur gezielten Modulation biologischer Prozesse.
Behrings spätere Arbeit – Professur in Marburg, Aufbau industrieller Serumproduktion, Nähe zu Staat und Industrie – zeigt auch die Ambivalenz dieses Fortschritts. Immunologie wird nicht nur Wissenschaft, sondern Infrastruktur. Heilung wird skalierbar, standardisiert, ökonomisch relevant. Die moderne Biomedizin kündigt sich an, mit all ihren Versprechen und Spannungen.
Für die Nazis war Behring ein Ideologieproblem. Der Stürmer sprach davon, dass Behring “sein eigenes Blut versaut” hatte, weil Tierblut-Seren eingesetzt wurden, Hitler selbst sah ihn als einen Retter der arischen Kinder. 1940 wurde eine Büste Behrings in Marburg errichtet, er als “Heroe der Wissenschaft” gepriesen.
Behring selbst litt zeitlebens unter Depressionen und war oft unfähig, gesellschaftliche Funktionen wahrzunehmen. Hier sprang nicht selten seine Frau Else Spinola ein, welche Behrings Forschung und Wissenschaft so gut wie er erklären und verteidigen konnte, oft mit besseren Resultaten.
Heute, im Zeitalter von monoklonalen Antikörpern, Impfplattformen und Immuntherapien, wirkt Behrings Serumtherapie technisch primitiv. Konzeptuell ist sie es nicht. Die Idee, das Immunsystem gezielt zu nutzen und therapeutisch zu lenken, bleibt zentral. In diesem Sinne steht Emil von Behring nicht am Anfang eines abgeschlossenen Kapitels, sondern am Anfang einer Denkweise, die die Medizin bis heute prägt.